Metallica

Ich wollte an meinem Geburtstag in Berlin beim Konzert sein, die Karten für Rollstuhlfahrende waren ausverkauft, also sind wir zum Stadion von Eintracht Frankfurt gereist.

Die Umgebung war so gut abgesperrt, das wir die Vorgruppe, die nur laut war, bis auf zwei Stücke verpassten, der Sänger stierte selbstverliebt das Micro an, ein Albtraum. Auf dem Weg zum Stadion irrlichterten viele Fans durch die Wälder, einen besonders verschreckten hätten wir gerne mitgenommen, das Auto war voll beladen, so dass er vielleicht noch immer lost im Wald ist.

Wir irrlichterten über den Frankfurter Flughafen, bis wir dann doch mal die Navigationsdaten der von der Tiefgarage eingaben  Plötzlich waren wir da

Es fühlte es sich magisch an, ich hatte schon die Option in Erwägung gezogen das Projekt abzubrechen.

Die Rollstuhlplätze waren gut positioniert im runden Stadion von Eintracht Frankfurt, die Bühne sehr weit weg, die Akustik brillant.“Nothing else matters“.

In Athen spielten Metallica vor 80 000 Sirtaki, die Melodie aus dem Film mit Athony Quinn, in Frankfurt spielten sie als Hommage an die Gastgeber die Hymne von Eintracht Frankfurt“ Eintracht vom Main, weil wir dich alle lieben“.

Neben uns ein Mann, motorisch stark eingeschränkt, das Konzert stark abfeiernd erregt sich darüber, dass es ihm ihm nicht gelingt, ein herunter gefaĺlenes Feuerzeug wieder in seine Tasche zu bekommen. Seine Worte sind schwer verständlich, seine Begleitung sagte deutlich verständlich für uns, “ der Arzt hat dir gesagt, “ du hast noch sechs Wochen, hör auf dich aufzuregen, gibt sie ihm für mich als körperlich eingeschränkte, nachvollziehbar, unglücklich darüber, dass die Dinge die früher selbstverständlich waren, nicht mehr gelingen, auch die Sprache; nicht nur die Motorik. Der Kommentar der Begleitung konfrontierte nicht nur ihn mit seinem Sterben, sie machte das was er vielleicht für einen Abend vergessen wollte öffentlich.

Vielleicht hatte er den nahenden Tod für den Moment vergessen, und konnte Metall füllen, ein „Nothing else matters“ Moment. So ein Moment im Leben, wo man nirgendwo anders, und nirgendwer anders sein möchte, dass hat die Dame, die mutmaßlich Geld für die Begleitung bekommen hat, oder sich mit Karma Punkten für die Ewigkei auszustatten zumindest versucht ihm zu vermiesen spontan verständlich, genieße es, dein Leben ist bald um, aber wenn er sich gerade massiv erregt, über etwas für sie banales, dann mag es psychodynamisch eine Verschiebung sein, dass er nicht „pissed off“ über die Tatsache seines statistisch zu frühen Ableben ist, sondern vielmehr etwas das für die mutmaßlich professionelle Begleitung banales. Vielleicht ist sein Ärger auch als Ausdruck von Lebendigkeit zu lesen. Es erinnert mich an eine Frage, die ich meinem Psychoanalytiker, Dr. Friedrich einmal stellte, ich wollte anlässlich eines von mir als gerecht erlebten Zorns, ein menschliches Bedürfnis sei, aversiv zu reagieren. Die Antwort war ein Blick, als hätte ich gefragt, ob es denn Tag oder Nacht gäbe. Bei Facebook folgte ich einige Zeit dem ASB-Wünsche Wagen. Anfangs berührten mich die Texte über die meist Krebskranken  Sterbenden, die oft aus einem Hospiz mit einer Person die geblieben ist, die sich nicht angesichts des Elends der menschlichen Vergänglichkeit, zurück gezogen hat. Manchmal eine Tochter, manchmal ein Freund.

Der Mann neben uns, der sich nur noch undeutlich artikulierten kann, hat ein Mega Finale mit diesem berührenden Lied über existenzielle Begegnung, über Stärke und Bedürftigkeit, Distanz und Sehnsucht eine Erinnerung an einen guten, vielleicht überwältigenden Moment in seinem Leben.

In den Achtzigern, wahrscheinlich wollte er deswegen dahin, mag es eine Liebesnacht gewesen, als echter Metall Fan hätte der Sterbende die Band seit 1985 gekannt, im Mainstream kamen sie 1991 an.

Ein Band Mitglied von Metallica kam 1985 bei einem Brand im Tour Bus in Schweden um, „Nothing else matters“ von 1991 drückt auch die menschliche Verwundbarkeit aus.

Übergriffigkeit und Machtgesten von professionellen Helfern habe ich auch vereinzelt erlebt.

Für Stürzen und andere Notfälle gibt es einen über die Telefonanlage gekoppelten Alarmknopf.

Super das es diese Hilfe gibt, nicht alle die dort arbeiten haben die moralische Eignung mit auf Unterstützung angewiesenen Menschen zu arbeiten.

Eine Mitarbeiterin des ASBs verweigerte mir es, mir nach einem Sturz den Schuh wieder anzuziehen, weil er als Orthopädischer Schuh ein Hilfsmittel sei, dass dürfte sie nicht anzuziehen, während dessen kicherte sie mit der Kollegin über die Sprechanlage, die sie bestärkte.

Ich habe verzweifelt gebeten und gefleht, eiskalte Machtausübung mit einem dummen Gesicht, sie hat sich ganz stark und mächtig gefühlt. Man nächsten Tag hat mich ihr Chef darin bestärkt, dass ich innerhalb eines Notfall Einsatzes vom ASB nicht erwarten kann, dass geholfen wird, dass ein funktional normaler Schuh mit angezogen wird, wenn die rechte Hand eingeschränkt ist, “ what the fuck“, wie widerlich seid ihr. Mein ehemaliger Kollege Josh von Soer, der schwerst durch eine Polio Impfung von der Erkrankung betroffen war, kämpfte sich meist mit Krücken vom Fleck. Er war vielleicht durch seine adelige Herkunft ein Meister des Erdulden und Kämpfen.

Ich schäme mich noch fünfundzwanzig Jahre später, dass ich nie intervenierte, wenn mein Kollege Herbert die körperlichen Einschränkungen von Josh vor dem gesammelten Team an Pädagogen, Psychologen und ungelernten Bürokräften immitierte. Josh brachte zu Seiten von HIV die Substitution nach Deutschland, später aus New York die Suchtakupunktur.

Ein Crack-abhängiger Patient von mir, sagte nach der Akupunktur käme er mit festem Schritt am Dealer vorbei.

Josh sagte immer, wenn er schlechte Behandlung erfuhr,

„heute ich, morgen du.“

Ich war einmal bei einem Psychoanalytiker, für ein Vorstellungsgespräch für eine Gruppenselbsterfahrung im Rahmen der Gruppenpsychotherapie Ausbildung, er interpretiere Joshs Satz als Rachefantasie. An dieser Selbsterfahrung konnte ich nicht teilhaben, da der Behandlungsraum nur durch eine Treppe im Einfamilienhaus erreichbar war.  Im Gedächtnis blieb mir der hellblaue hochpreisige Teppichbodens, Tretford, vielleicht war ich leicht neidisch auf sein bürgerliches Leben, mit der ergotherapeutischen Praxis der Ehefrau im Haus.

Der Hinweis auf die Rachefantasie von Josh von Soer war das Vorstellungsgespräch wert.

Eben dieser Herbert bekräftigte unsere Freundschaft angesichts meiner MS-Diagnose, er war der Erste der sich abwand. Jahre später traf ich ihn im Theater, ich gab den Groll,  der mich verzehrte auf, anlässlich seiner Charme Offensive.

Die Sterbenden beim Wünschewagen sind immer dankbar, wenn sie teilweise auf der Krankentrage ein letztes Mal die Ostsee, die Nordsee oder ihren eigenen Garten sehen können.

„Ohnmacht weckt Sadismus“, das musste ich auch bei der Nachfolge Notruforganisation, dem Roten Kreuz einige seltsame Male erleben. Ein Mitarbeiter, der von den Notfällen im ambulanten Bereich lebt, hat mir mehrmals nahegelegt doch in ein Pflegeheim umzuziehen, nicht nur dass Pflegeheime nachts häufig auch mangels Personal auf die Notrufsysteme zurückgreifen, wer ist er sich anzumaßen über mein Leben bestimmen zu wollen, meine private und berufliche Selbstständigkeit zerstören zu wollen, wie beschissen muss sein mentaler Zustand sein, sich durch Erniedrigung besser zu fühlen.

Ich mache mir über meine finanzielle Situation in einem Jahr Sorgen. Durch die Kürzungen der Psychotherapeutischen Honorare um 4,5 Prozent, die seit diesem Quartal wirksam ist, arbeite ich wöchentlich eine Stunde mehr, um mein Leben mit viel Assistenz Bedarf und gelegentlichen Höhepunkten, wie eine Reise zum Metallica Konzert in Frankfurt mit Begleitung und Übernachtung zu finanzieren. Ab dem kommenden Jahr droht die Budgetierung der Ambulanten Psychotherapie, das bedeutet für mich, dass ich nur noch 18 Sitzungen wöchentlich abrechnen können, aktuell biete ich etwa 25 Sitzungen wöchentlich an . Durch die verzögerte Abrechnung mit der Kassenärztlichen Vereinigung kommt der große finanzielle Einbruch etwa in einem Jahr, aktuell könnte ich wöchentlich bis zu dreißig Therapie Plätze anbieten, durchschnittlich arbeite ich 25 Stunden wöchentlich.

Ich könnte überlegen, den Kassensitz zu verkaufen, um zukünftig außervertraglich im Erstattungsverfahren für versicherte der gesetzlichen Krankenversicherung weiter zu arbeiten. Für 18 000 Euro habe ich meinen Versorgungsauftrag vor fünfzehn Jahren erworben, ich könnte ihn vielleicht für 40 000 Euro weiter geben, den Verdienst in ETF-Fonds für das Alter legen, der Organisationsaufwand um die Abrechnung der einzelnen Patienten wäre viel höher, formal bekämen die Patienten das Honorar der Krankenkasse erstattet, lass einen Patienten Ebbe in der Kasse haben, ohne Absicht überweist seine Bank die Erstattung nicht weiter.

Privat Versicherte machen in  Deutschland nur etwa zehn Prozent aus, damit sind die kommenden Einbrüche nicht zu finanzieren. In dem Alter, in dem meine beiden Eltern in den Ruhestand gegangen sind, überlege ich neue verwandte Berufsfelder zu generieren.

Ich genieße es, die zunehmende berufliche Kompetenz im Alltag im Kontakt mit Patienten zu erfahren, neues in der Begegnung zu durchdringen, die Erinnerung an die Briefe meines Großvaters aus dem Zweiten Weltkrieg,:und der Wunsch sie zu lesen und meine Erlebnisse zu verschriftlichen, entstand im Gespräch mit einer Patientin, deren Mutter im gleichen Jahr der NS Herrschaft wie Meine, 1936 geboren wurde.

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Herzlich Willkommen

Danke, dass du vorbeischaust! Ich bin Kathrin Köpp, psychologische Psychotherapeutin aus Hamburg. Neben meiner Arbeit in der Praxis biete ich eine Online-Beratung für Krisensituationen und diagnostische Einschätzungen für Selbstzahler ohne Wartezeit an. Auf diesem Blog möchte ich mit dir Geschichten aus meinem beruflichen und privaten Alltag als von MS-Betroffene teilen. Meine wichtigste Mitarbeiterin ist Miss Molly, nach zehn Jahren als Hauskatze auch als Queen Mom bekannt. Besonders bei ängstlichen und depressiven Patientinnen ist sie ein wertvoller Teil meines Teams.

Besuch gerne meine Homepage: Tiefenpsychologisch fundiert – Psychodynamisch fokussiert – Home

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