Königinnen Pasteten

Heute am 21. April ist der Geburtstag  

meiner Großmutter Hilda. Zu Ihrem Geburtstag servierte sie beim Bäcker bestellte Blätterteig Pasteten, die vor dem Auftragen im Backofen erwärmt und mit „Ragout Fin“ gefüllt wurden.

Für meine Großmutter waren diese Pasteten ein großes Glück, sie strahlte diese Köstlichkeit zu teilen.

Zu Ihrem achtzigsten und neunzigsten Geburtstag lud sie in den Stadtpark, in das Landhaus Walter, darauf hatte sie gespart, vierzig Personen einzuladen.

Ich liebte den kleinen Teigdeckel, der auf die Füllung aus, Huhn, Spargel, Erbsen gesetzt wurde. Getrübt wurde mir und Hilda die Freude durch die entwertende Aggression meiner Mutter, die Hilda die entbehrungsreiche Kindheit im Nationalsozialismus über deren Tod mit fast achtundneunzig Jahren hinaus nachtrug.

Mit narzisstischer Rechthaberei würdigte meine Mutter meine Oma bei jeder Gelegenheit herab. Den Pasteten Moment, wenn Hilda mit dem Tablett, und den vorgewärmten Tellern ins Wohnzimmer trat, vermieste Anneliese ihr regelmäßig.  Ich schämte mich für ihre verbalen Attacken, wissend dass diese vernichtende Energie sich körperlich gegen mich richten konnte. Die Großmutter wehrte sich nie gegen ihre ausfallende älteste Tochter.

Sie ertrug sie wohl mit der gleichen angepassten unterordnenden Haltung wie ihren Ehemann, und die frühe Anstellung in einem Pensionsbetrieb an der Ostsee, voller harter Arbeit und Entbehrungen.

Sie war voller Liebe, ihrem ersten Enkelkind, mir gegenüber, nur von ihr erfuhr ich bedingungslose Liebe. Psychodynamisch würde man von einem stabilisierenden inneren Objekt sprechen. Die beiden jüngeren Schwestern meiner Mutter bekamen von dieser Freundlichkeit etwas mit, Heidi, die ein Jahr jünger war wie meine Mutter, erfuhr auch viel von der zerstörerischen Energie, und der? systematischen Entwertung meiner Mutter. Dieses destruktive Introjekt wütet noch immer, in mir und gegen mich.

Blicke ich in meinen Garten, jede Blüte ist ein Schutz, die Wärme der Großmutter spiegelt in der Schönheit, und erfüllt mich mit Kraft und Ausgeglichenheit.

Ihr Garten war in seiner wilden blühenden  Schönheit Ausdruck ihrer Resilenz. Ihre blauen Augen spiegeln sich jeden Frühling in den Vergissmeinnicht in meinem Garten, meine Großmutter, im erstenWeltkrieg geboren, den zweiten als Mutter mit vier Kindern überstanden. Sie ist für mich auch ein Vorbild im Durchhalten und Ausdauern, mitten in einer düsteren Regen Wand, höre ich ihr,

“ dahinten wird es schon heller“.

Sie hatte ein grandioses Einfühlungsvermögen. Wissend was mich auf tiefer Ebene beschäftigte,  sprach sie Dinge aus, die ich nie benannt hatte. Zu Beginn meiner Selbstständigkeit, als ich finanziell sehr flau war, spürte sie es, und steckte mir regelmäßig fünfzig Euro zu, mit der gleichen Geste, wie in der Kindheit,

„Opa weiß nichts davon“.

Nach kurzer Zeit war die Flaute vorbei, ohne große Worte endete die Zuwendung, woher sie wußte, dass ich wieder sicher war, sie hatte das Gespür.

Alle Menschen die sie einmal getroffen hatte, Freunde von mir, gehörten für sie dazu, wurden gegrüßt. Wenn ich mich von ihr verabschiedete, stand sie so lange auf dem Balkon und winkte, bis ich hinter der Straßenbiegung verschwunden war.

Wenn ich zuhause angekommen war, ein kurzer Anruf des Angekommenseins, ohne große Worte, war Pflicht.

Ihre bedingungslose Liebe erfüllt mich weiterhin.

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Danke, dass du vorbeischaust! Ich bin Kathrin Köpp, psychologische Psychotherapeutin aus Hamburg. Neben meiner Arbeit in der Praxis biete ich eine Online-Beratung für Krisensituationen und diagnostische Einschätzungen für Selbstzahler ohne Wartezeit an. Auf diesem Blog möchte ich mit dir Geschichten aus meinem beruflichen und privaten Alltag als von MS-Betroffene teilen. Meine wichtigste Mitarbeiterin ist Miss Molly, nach zehn Jahren als Hauskatze auch als Queen Mom bekannt. Besonders bei ängstlichen und depressiven Patientinnen ist sie ein wertvoller Teil meines Teams.

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