
Als meine Oma starb, kurz vor Ihrem achtundneunzigsten Geburtstag bekam ich das Gesellenstück meines Großvaters, ein massiver und wuchtiger Eichenschrank, in zwei Teilen, mit einer Glasvitrine, die floralen fast verspielten Zierleisten teilweise abgebrochen.
Oma Hilda wollte dass ich den Schrank übernehme, wie das Artzberg Blau Service, dass sie durch die Jahre meines WG Leben geschützt hatte.
Die ältesten Tassen waren noch mit einem Goldrand verziert, die späteren dann, spülmaschinenfest.
Als meine Oma kurz vor Ihrem achtundneunzigsten Geburtstag starb, fletterte ihr jūngster Sohn sofort ihre Hinterlassenschaft, auf der Suche nach Dingen die er zu Geld machen könnte, mit der gleichen Rafftahnigkeit flätterte auch die Hinterlassenschaft meiner Mutter im Pflegeheim, der Schmuck den das Personal nicht als Schenkung für vermeintliche Besserbehandlung an sich nahm, entwendete man ihr, eine Anzeige wollte sie nie stellen, die Angst noch schlechter behandelt zu werden.
Mitgefühl hatte ich, in den letzten Jahren als ich nur noch mit ihr telefonierte, “ es wäre schlimmer zu klingeln, und niemand käme, als nicht zu klingeln, und zu frieren.“
Die Frau hat fünfunfünzig Jahre gearbeitet, und hat am Ende ihres Lebens, vom Parkinson in die Bewegungslosigkeit erstarrt, niemanden der ihr in zwei Minuten eine Strickjacke überzieht; in einem Umsatz starken Investment Rosenhof.
Sie hatte immer daran geglaubt für Geld besser versorgt zu sein wie ihre Mutter die in der Häuslichkeit mit einem Ambulanten Pflegedienst und familiärer Unterstützung verblieb.
Der Rosenhof war die finale Enttäuschung für meine Mutter, angelockt von Abend Veranstaltungen mit Büffet, und schönen Worten der Leitung wähnte sie sich vorab auf ihrer letzten Kreuzfahrt, Captains Diner war nur die Werbeveranstaltung für die Generation Überfluss am Büffet.
Selbst durch eine neurologische Erkrankung angewiesen, kennen ich die beschissene Abhängigkeit von anderen die halbherzig ihren Job, heute Nacht war die Katze in der Abstellkammer eingesperrt, und schrie die ganze Nacht voller Verzweiflung. Einmal schwang ich meinen lahmen Körper auf den Rollstuhl und öffnete die Badezimmertür die ich wegen der laufenden Waschmaschine schließen ließ, dass die Prinzessin in der Kammer saß realisierte ich nicht, erst am Morgen, als ich zum zweiten Mal tat, was ich eigentlich nicht mehr kann.
Jetzt sitze ich kurz vor einem Sturz auf meinem Büro Stuhl und warte das jemand kommt, es ist beschissen diese Selbstverständlichkeiten nicht mehr alleine zu können. Friedrich Merz, der Empathie befreite Bundeskanzler will die Eingliederungshilfe kürzen, am liebsten wohl abschaffen. Menschen mit Einschränkungen können durch die persönliche Assistenz im eigenen Wohnraum leben, teilhaben an Kultur, mal raus in die Natur. In Hamburg stünde mir eine Hilfe von zwei Stunden wöchentlich zu, der begutachtenden Amtsärztin scheint diese Großzügigkeit etwas peinlich, Nordehein-Westphalen ist deutlich großzügiger, da stünde mir ein Betrag um die 2000 Euro zu.
Einsparen möchte Herr Merz auch die Schulbegleitung für beeinträchtigte Kids, das sind AfD Positionen. Unvergesslich wie Herr Merz eine an Hautkrebs sterbende Diskussionsteilnehmerin wegbaschte.
Mein Großvater schreibt in dem ersten geöffneten Brief von der Front, dass er weder Schießen mag, noch kann, und er an einer Scharfschützen Ausbildung teilnehmen soll. 1943 schreibt Wally an sein Hildchen, er formuliert schön, die Feldpost hat ein spezielles Format, die Briefe sind nach Jahren gebündelt mit Schleifen. Ich wußte nicht, dass sich Walter Wally nannte, Hildchen und Wally, es ist ein bisschen Herz erwärmen. Gestern Abend war ich mit Elmedina in der Elphi,Heringsdorf, der?Autor von Tschik hatte sich angesichts der Konfrontation mit einem bösartigen Hirntumor selbst bestimmt wann Schluss ist, er schildert die Überlegungen wie er aus dem Leben gehen will. In der Lebensphase, die er später als die Beste bezeichnet, ist er als Autor ungeheuer produktiv, er entscheidet sich dafür sich zu erschießen, der selbst bestimmte Schlussstrich aus der Apotheke bleibt ihm wie allen anderen verschlossen.
So muss er in der letzten Lebensphase die Kraft dafür nutzen, so zu gehen, dass niemand daran leidet, Ärger mit Polizei und Justiz zu bekommen. Ein autonomer Abgang.
Meret Becker liest den Text wechselt mit dem Ensemble Resonanz, das ganze ergreift mich, den Wunsch das Leiden nicht bis zum Schluss zu ertragen, als Hülle die im Pflegeheim Ertrag bringt, begleitet mich seit der MS-Diagnose.
Im Aufzug auf dem Weg nach Hause rin Rudel wohlsituierter Damen, eine mit Krücken und offensichtlich gebrochenen Knöchel. Eine Andere mustert mich abfällig von oben im Elektro Rollstuhl, dann schießt sie, „da hast du es ja noch ganz gut getroffen“, in Richtung der Anderen. Da ist kein Glück bei den Damen, dass sie wohlhabend und mobil sind, keine Empathie dem Autor Heringsdorf, einer jüngeren Immobilen gegenüber, kein Glück über die Musik, die schöne Architektur, den Blick auf den Hafen, keine Freude, nur Verachtung der vermeintlich Schwächeren. Ich spürte das Glück daran teilhaben zu dürfen.
Der Nazi Ungeist, der Pannwitz Blick der Selektionsblick lauert im Aufzug der Elphi. Es waren viele Freundliche mit und ohne Rollstuhl im Publikum, die vielleicht auch den Abend mit Mitgefühl oder eigenen Geschichten bewegt hat.
Im Suchprogramm des „Spiegel“ erfahre ich das “ Wally“ am ersten Mai 1933 in die NSDAP eingetreten ist.
Zehn Jahre später Angst im Schützengraben, nicht Schießen wollen
Heute tauchen ich in die Briefbündel ein.


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