Der Titel weckt Assoziationen von Lichterfahrten, auf den Hamburger Känälen, auf der Alster oder Elbe, an touristischen Hotspots, an Seen, Flüssen oder Kanälen.
Vor dem inneren Auge tauchen flache Boote, mit Touristen im Plauderton auf.
Bei eingängiger Musik, klappernden Tellern zum Diner, klingenden Gläser, mit lautem Geplapper und Gelächter, zu späterer Stunde vielleicht mit Gesang, Schlager aus den Siebzigern erklingen.
Vielleicht schmettert Vicky Leandros : “ ich liebe das Leben“, oder Udo Jürgens:“ siebzehn Jahr, blondes Haar, so standest du vor mir“.
Ich war Text sicher in allen Schlagern der sechziger und siebziger Jahre.
In der Haftbefehl Dokumentation berührt mich die Szene in der er, todtraurig, das Lied von Reinhard Mey, in meinem Garten Trost suchend singt,mein Vater war ein großer Freund seiner Lieder. “ Gute Nacht Freunde, es wird Zeit für mich zu gehen, was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette“ .
Bushido rappt “ für immer jung“, mit einem Schnulzenkönig meiner Kindheit, die Schlageraffinität verbindet mich mit den Rappern, Bushido holte in Hamburg zwei über neunzigjährige auf die Bühne, mit Respekt und Liebe“ für immer jung“, ich habe Karten für März, „alles wird gut“, und
„wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht zu Ende“, ergänzte die am Rinderwahnsinn verstorbene Freundin Gudrun, bei ihr nahm es kein gutes Ende.
In der Kindertagesstätte, in der ich während der Arbeit der Mutter untergebracht war, in roten Holzbaracken, die die Norweger dem Kriegs zerstörten Deutschland gespendet hatten, die sich im Stadtpark am Grasweg befanden, sang ich jeden Montag bei der Wiederholung der Schlagerparade aus tiefster Seele mit.
Bis heute wird mir bei Schlagermusuk aus den Sechzigern und Siebzigern warm um mein Herz
Die erlebte Wärme stand im Gegensatz zur Kälte der Mutter, des bedingungslosen Funktionieren, der kompletten Empathie Freiheit. In der zweiten Klasse wurde das Schönschreiben benotet.
Die Grundschullehrerin war alt und verbittert.
Erst ab 1969, dem Jahr meiner Einschulung, durften Lehrer ihre Schüler in Hamburg nicht mehr schlagen, Eltern durften weiterhin zu langen, die Mutter machte von diesem Recht reichlich Gebrauch.
Frau Rottler, mit dem Vornamen Ursula hätte sicher zugeschlagen, in meinem Zeugnis tauchten Sätze auf, wie Kathrin könnte bei größerer Anstrengung mehr leisten, in einem Zeugnis voller guter Noten, bis auf die Note Fünf im Schönschreiben, ich konnte es einfach nicht, und niemand brachte es mir bei.
Ab meinem Einschulungsjahr, 1969 durften Lehrer an Hamburger Schulen nicht mehr zuschlagen, den Eltern wurde es nicht verboten.
Hatte ich die Veranlagung zur Linkshändigkeit, wie die Großmutter, die mir bedingungslose Liebe entgegen brachte, die Leichtigkeit mit der ich nach der Lähmung des rechten Armes, durch die MS mit links malen und schreiben lernte, lässt mich das Vermuten.
Das kindliche Erleben von Ungerechtigkeit, als ich die Fünf auf dem Zeugnis sah, ist tief in mir eingebrannt, die Ungerechtigkeit, das mein verzweifeltes Bemühen nicht gesehen wurde; ist eine zentrale Erfahrung, die sich in menschlichen und institutionellen Erfahrungen wiederholte.
Bei der Zeugnis Übergabe wusste ich, das die Mutter angesichts der einen schlechten Note Ausrasten würde. Fie freundliche Erzieherin mit der Schlagerparade tröstete,
„das ist doch nicht schlimm“, aber ich wusste wie der Abend enden würde, das es schlimm werden würde, die Mutter rastete regelmäßig aus, verprügelte ihre Tochter impulsiv.
Dieses böse Wesen sitzt jetzt in mir selbst, gnadenlos jeder Schwäche und jedem Fehler gegenüber, analytisch heißt es Introjekt, die an denen wir litten, sind ein Teil unserer seelischen Ausstattung geworden, Täterintrojekte.
Meins heißt Anneliese, sie urteilt gnadenlos, keine Schwäche zulässig.

Als ich das erste Auto mit Linksautomatik umrüsten musste, beim Schaltwagen der Wechsel des rechten Fuß von Gas zur Bremse nicht mehr flüssig gelang, ließ ich mir von einem guten Verkäufer einen Neuwagen mit sechs Monaten Lieferzeit aufschwatzen. Als der dunkelblaue Citroen dann geliefert war, hatte ich die Zuversicht in meine Fertigkeiten mit dem linken Fuß die Automatik zu bedienen verloren. Ich hatte Angst. Ich erzählte der Mutter davon, und erwartete Verständnis, und Mut machende Worte. Sie bellte heraus, wenn man nicht gleich los fährt, wird das nichts mehr. Nach einem langen Arbeitstag, saß sie mir im Nacken. Im halbsissoziiertem Zustand, im Dunkeln ging ich im Dunkeln zum Parkplatz, die neu erlernte Technik der Linksautomatik war auf meiner inneren Bühne nicht mehr präsent. Ich trat statt auf die Bremse auf das links davon liegende ergänzte Gaspedal und Schoß mit dem Neuwagen durch die Ballustrade in den Kanal.

Das Wasser stieg langsam die Beine hoch, von der Straße laute Stimmen, ich dachte, das war es dann wohl mit diesem Leben. Es war dann wohl so, kein Bedauern, friedlich. Ich atmete, entschied mich zu überleben, versuchte dann doch die Fahrertür von innen zu öffnen, nicht möglich gegen den Wasserdruck, eine kurze Panik, dann Schicksals ergeben. Die Geräusche oben kamen näher, wurden lauter. Ein Polizist, dessen Namen ich leider vergessen habe, war in den Kanal gestiegen und hatte mich aus dem Auto gezogen. Ich war nicht ganz anwesend. Die Rettungssanitäter fragten mich, in welches Krankenhaus ich wollte, ich landete in St Georg auf der Neurologie. Der interkonfessionelle Andachtsraum im Obergeschoss bot eine schöne Aussicht auf die Alster. Eine muslimische Theologin kam zur Seelsorge, sie studierte Psychologie. Nach drei Wochen wurde ich in einer neurologischen Rehaklinik in Gyhum, in der Mitte vom Nirgendwo abgeworfen, die Verlängerung lehnte ich nach fünf Wochen ab. Alkohol in der Klinik war verboten, im internen Kaffee wurde er in großen Mengen ausgeschenkt. Legendär war für mich das Gyhumer Rollatoren Ballet, die Generation Ü-Achtzig stand dicht gedrängt ab 16.30 Uhr vor dem Speisesaal, kein Durchkommen für ein Krückenwesen. Sie waren gierig, ausgehungert, wie nach dem zweiten Weltkrieg, in ihren unförmigen Körpern seltsam unbeheimatet. Meine Gefährten waren Einige bei ebenso dummen Unfällen fast um das Leben gekommene. Wir sprachen nicht über die Unfälle, waren aber seltsam tief verbunden, den Apfelbauern aus dem alten Land traf ich noch nach der Rehabilitation einige Male, er war in Ungeduld und Wut über die Langsamkeit der thailändischen Ehefrau beim Kochen von einer Leiter gestürzt. Ein späterer Patient, ein leitender Polizei Beamter, der kein schnauzbärtiger Schläger war, die ich von Jugendlichen Demonstrationserfahrungen kannte, eher ein feinsinniger Denker, war mit meinem Lebensretter kollegial verbunden.Ich bin noch heute verwundert über die Gelassenheit mit der ich den Wasserpegel ansteigen sah, waren das die körpereigenen Endorphine, ein Abgrund tiefer Lebensüberdruß, der Analytiker nahm es sehr Ernst, er kam aufgrund der verschlechterten Mobilität zu Hausbesuchen, bis die Zuversicht zurück war. “ Sie finden immer jemanden der Sie rettet“, sagte er später einmal, mehrere Male war er das. Jetzt ist er zum gutem inneren Objekt geworden,“immer wenn die Resignation droht, ermutigt er mich mit den gleichen blauen Augen wie Oma Hilda.


Hinterlasse einen Kommentar