NeuroUrologie Ambulanz am Universitätskrankenhaus, das klingt nach Hoffnung und Kompetenz, beim vierten Versuch einen Termin zu vereinbaren, gelang es. Alle Labor und Klinikberichte werden vorab in einem Schnellhefter zusammengefasst, die ambulante Urologie liegt über dem Hauptgebäude, das Parkhaus am Überqueren, ein Mitarbeiter hilft einen freien Behinderten Parkplatz zu finden.

Im Empfangsbereich eine Anmutung eines internationalen Flughafens. An Tresen 4, die in Arztpraxen übliche Anweisung nicht unaufgefordert Kontakt aufzunehmen.

Hinter dem Tresen eine Person mit abweisenden Blick, Corona Maske, und undeutlicher Artikulation, sie fixiert einen Monitor, „spreche mich nicht an, strömt aus jeder Hautpore, mutmaßlich muss sie Dinge bearbeiten, für die sie Ruhe und Konzentration benötigt, keine Orientierung suchenden Patienten.

Ich bin eingeschüchtert, die Blase fordert Entleerung, ich spreche die Dame hinter dem hohen Tresen an, um dem UKE meinen Urin zu überlassen, ich kann es knapp halten, wir irrlichtern durch die Gänge, beim Zielen in den Mini Urinbecher geht genug hinein, mittlerweile ist der linke Arm trainiert im Urinbecher zwischen die Schenkel klemmen, und diesen wieder heraus zu winden. Nach der Abgabe, warten in Zone 4 des Flughafens, die Atmosphäre unter den Wartenden ist anders; keine Freude auf eine Urlaubsreise, Viele warten mit mehreren Familien Angehörigen, anders wie im Flughafen herrscht Schweigen vor den vier Schaltern,

Ab und an tritt ein junger Arzt aus einer der vier Türen und ruft einen Namen in das situative Kollektiv. In der Wartezeit tippe ich absichtsfrei an meinem Smartphone herum, früher vor der digitalen Zeit lagen in solchen Wartezonen ausgelesene Illustrierte herum, die Wartenden konnten sich über die Schicksale der europäischen Königshäuser informieren, eigenes schweres Leid, dass in der Regel an solche Orte führt, mit der Krebserkrankung des britischen Königs oder der Prinzessin situativ kompensieren. Nach zwei Stunden tritt ein junger Arzt auf den Flur, blickt in Richtung Wartezone, “ Frau Köpp !“.

Ich bin im Luxus E- Rollstuhl unterwegs, frisch bei Kleinanzeigen gekauft, im Wohnzimmer des Verkäufers, ein Terrarium mit viel Grünzeug, und einer Schlange, zuvor hatten sie einen Kater, erfahren wir im Gespräch, ich überlege kurz ob die Schlange den Kater herunter gewürgt hat, sie bekommt alle zwei bis drei Tage eine tiefgefrorene Maus.

Der junge Arzt schaut von oben herab auf mich, sitzend.

Er spricht dann meinen Begleiter an, mit Käppi, auch um den Unfall beim Friseur zu verbergen, in lindgrüner hautenger Jogging Hose :

“ und Sie sind der gesetzliche Betreuer“, nein, ich habe ihn nicht mit dem elektronischen Rollstuhl tot gefahren, Alina sagt immer,“lächel; du kannst sie nicht alle töten“, ein Schnapsglas mit diesem Text steht in meinem Küchenregal

Ich atme diese Respektlosigkeit weg,

die Gleichsetzung von körperlichen Einschränkungen, und mentalen Unterstützungsbedarf circuliert auch noch in der Generation unter Dreißig.

Ich mache ihm deutlich, dass ich zurechnungsfähig bin, und das Gespräch führen werde, ich verfahre; dass seine Mutter auch Psychotherapeutin ist, vielleicht hätte mein Leiden mehr Aufmerksamkeit erfahren, wenn ich die Frage nach der Bekanntheit mit seiner Mutter bejaht hätte. So bleibt es beim Ultraschall und dem Blick auf meine Nieren, die mitgebrachten Berichte werden nicht in die Konsultation einbezogen, ein allgemeines Statement zu MS und Blasenproblemen, mehr NeuroUrologie ist hier nicht zu holen.

Er ist weder Neurologe noch Urologe, ich könne ja wieder kommen, dann könnte man die Durchlaufgeschwindigkeit der Blase messen, im Wertebereich goss eine junge Frau einen halben Liter Mineralwasser in sich hinein, mutmaßlich war das dieser Test.

Dann ist das Gespräch beendet, der Schnelltest im Labor ergab keine Bakterien, auch das ist wie immer, meine MS-Vorbefunde vom UKE fließen auch nicht in die Diagnostik ein.

Mutmaßlich werden die Befunde im Arztbericht des Termins verarbeitet, keine Fragen über Beschwerden, Schmerzen, Inkontinenz, Krämpfe, das war für nichts, Botox erwähnt er noch, das wird bei Inkontinenz eingesetzt.

Ich bin ein bisschen verzweifelt nach dem Termin, keine Hilfe, kein Bedürfnis nach einem nächsten Termin.

Ich sitze in meiner Praxis als Psychotherapeutin auf der anderen Seite, als heute, in meinem Alltag kommen die an seelischer Not leidenen zu mir, als Eintrittskarte gilt die elektronische Versichertenkarte; die in das Lesegerät eingezogen wird. Bis zu sieben Sitzungen zu Beginn sind genehmigungsfrei abzurechnen mit der Kassenärztlichen Vereinigung, die wiederum mit den einzelnen Krankenkassen abrechnen.

Hier unter den Wartenden, als Teil des Kollektivs der Leidenen verliere ich die Sicherheit meiner sozialen Rolle, im Alltag bin ich die die Struktur vorgibt, Termine vorschlägt, die Situation und die Diagnose definiert.

Hier bin ich dem Apparat ausgeliefert, ausgestattet mit einem Überweisungschein, auch hier die elektronische Versichertenkarte als Eintrittskarte, die Hoffnung auf Hilfe mit der seit sieben Monaten dauerleidenen Blase, die Chatliese berichtet, kaputte Blasen würden hier mit Hyaloron repariert. Ich habe für diesen Termin meine Patienten abgesagt, nicht jeder verträgt die Unterbrechung gut, betriebswirtschaftlich passt dass auch nicht gut, durch den hohen Hilfe Bedarf

muss der Rubel rollen, da ist viel Druck im Kessel, ich bin bemüht alle Termine zu belegen, auch bei kurzfristigen Absagen. Ich versuche kurzfristig Termine an Menschen weiter zu geben, die sich meistens per Email melden. Meistens werden die persönlichen Nöte detailliert geschildert, häufig Rundmails ohne persönliche Ansprache, etwa „Hi Praxisteam“. Nach meiner Recherche bei Chat GPT gibt es in Hamburg 928 Vollzeit Kassensitze zur Psychotherapeutischen Versorgung, das entspricht einer Über Versorgung von über 150 Prozent in der Bedarfsermittlung Kassenärztlichen Vereinigung; wie dieser Wert ermittelt wird, mutmaßlich nach Einwohner Zahl, im bundesdeutschen Durchschnitt.

Menschen die einen Therapieplatz suchen, erleben eher eine strukturelle Unterversorgung; mit langen Wartezeiten auf Hilfe. Ich führe keine Warteliste; wenn sich ein Suchender meldet; ich Kapazitäten habe, vereinbare ich einen Termin für ein Erstgespräch; von den Vorgaben müssen Psychotherapeuten; seit dem Jens Spahn Gesundheitsminister war, wöchentlich zwei Paychotherapeutische Sprechstunden anbieten, auch wenn sie keine Kapazitäten haben, um Patienten kontinuierlich zu versorgen.

Ich nenne diese Termine:“Sie haben ein Problem, und ich habe keine Zeit Gespräche“. Der Patient verlässt die Praxis mit einem Formular mit Diagnose. Viele hatten viele dieser Termine, sind ermüdet immer wieder die ganze Geschichte zu erzählen, und nicht erhört zu werden, nicht angenommen zu werden.

Es gibt Wochen, da melden sich mehr Paychologie Studenten der zahlreichen Privaten Universitäten, an denen man für hohe Studiengebühren das Paychotherapeurische Handwerk lernen kann, für alle deren Abitur Note keinen Einser Schnitt abbildet. 850 Euro monatlich, bei einer Studiendauer von fünf Jahren bis zur Approbation eine Menge Geld, wenn man es selbst verdienen muß. Die fachkundige Weiterbildung, die für die ambulante Versorgung gesetzlich Versicherter notwendig ist, ist noch nicht inbegriffen. Über die Finanzierung wird noch gerungen zwischen Krankenkassen und Kliniken. Wenn ein  gesetzlich Krankenversicherter keinen zugelassenen  Psychotherapeuten findet darf er zu Lasten der Krankenkasse einen mit gleicher Qualifikation im Erstattungsverfahren wählen.

Viele Psychotherapeuten mit Kassensitz vermieten ihre Praxen an Kollegen ohne Abrechnungsgenehmigung unter, und verweisen die Patienten die in den „Sprechstunden‘ kommen intern an die Untermieter. Die gesetzlichen Krankenkassen versuchen aus wirtschaftlichen Gründen, die Kostenerstattungen einzudämmen, und verlangen vor einer Kostenübernahme bis zu dreißig Absagen von Niedergelassenen. Diese sind schnell generiert per Email.

Das führt in meiner Praxis dazu, dass es mehr Anfragen gibt von Patienten die eine Absage wünschen, weil sie von den Kollegen im Kostenerstattungsverfahren gebrieft werden Absagen zu sammeln, und gelegentlich das PTV Formular mit der bescheinigten Notwendigkeit einsammeln sollen zur Vorlage bei der Krankenkasse

In meiner Praxis führt das dazu, dass ich mich auf Menschen emotional einschwinge, die sich längst an einen Kollegen gebunden haben. Ich bin also zweite Wahl. Ein Patient trieb es soweit mir die sieben genehmigungsfreien Sitzungen zu suggerieren hier die Behandlung aufzunehmen, er fuhr parallel. Ich hatte mich innerlich bereits auf seine Dysfunktion in den Beziehungen eingeschwungen, dann entfaltete sich das Spaltungspotential.

Ich habe schon darüber nachgedacht, den Kassensitz zu verkaufen, für 30 000-40 000 € und im Erstattungsverfahren weiter zu machen.

Ich habe vor zwölf Jahren 18 000 € Ablöse zahlen müssen, was in etwa einem Quartalsumsatz entsprach.

Wenn ein Patient eigentlich keine therapeutische Bindung eingehen will, ist das eine Betonwand dazwischen, er wird Negatives suchen, mein Angebot einer zweiten Sprechstunde sls Zumutung der Krankenkasse erleben, das führt zur Entwertung meiner Fachlichkeit und Person. Die Energie transportiert sich im Kontakt.

Vielleicht antworte ich zukünftig auf Anfragen mit der Gegenfrage, möchten Sie einen Therapieplatz oder eine Absage für eine außervertragliche Therapie.

Ich hatte vier solcher Patienten Kontakte in diesem Jahr, die mir drastisch die Bedürftigkeit schildern, ich habe oft Patienten die zeitlich flexibel sind einige Zeit in einer Satelliten Umlaufbahn bis ein fester Termin frei wird, wenn Not und Berührung meinerseits da ist, gibt es eine solche Zusage oft sponta. Manche Patienten verwirrt das, das maximale was sie erwartet haben, ist ein Platz auf einer Warteliste; ich führe keine.  Meine Entscheidungen sind diagnostisch und situativ, lässt sich eine Beziehung aufbauen, oder ist es akut. Es macht keine Freude wenn nicht die Bnehandlungsaufnahme das primäre Ziel ist, sondern die Feststellung eines Notstandes aufgrund dessen  die Regeln der kassenärztlichen Versorgung ausgehebelt werden.

Wieviel Kassensitze wären für die Versorgung einer Großstadt wie Hamburg angemessen. Es gibt sicherlich einen Mangel in der Versorgung, es gibt aber auch schon privatwirtschaftliche Anbieter die Therapiezentren mit angestellten Psychotherapeuten gründen, die aus dieser Unterversorgung Profit generieren, weg von der Freiberuflichkeit des Heilberufes, frei von der Last der Finanzierung des Kassensitzes und einer Praxiseinrichtung. Der Auftrag der kassenärztlichen Vereinigung ist die Sicherstellung der ärztlichen und psychotherapeutischenv Versorgung der über neunzig Prozent gesetzlichen Versicherten in Deutschland.

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Herzlich Willkommen

Danke, dass du vorbeischaust! Ich bin Kathrin Köpp, psychologische Psychotherapeutin aus Hamburg. Neben meiner Arbeit in der Praxis biete ich eine Online-Beratung für Krisensituationen und diagnostische Einschätzungen für Selbstzahler ohne Wartezeit an. Auf diesem Blog möchte ich mit dir Geschichten aus meinem beruflichen und privaten Alltag als von MS-Betroffene teilen. Meine wichtigste Mitarbeiterin ist Miss Molly, nach zehn Jahren als Hauskatze auch als Queen Mom bekannt. Besonders bei ängstlichen und depressiven Patientinnen ist sie ein wertvoller Teil meines Teams.

Besuch gerne meine Homepage: Tiefenpsychologisch fundiert – Psychodynamisch fokussiert – Home

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