
Wenn mich diese Mail der Lottogesellschaft, sechs aus neunundvierzig erreichte, war da dieser magische Moment, die Assoziationen von unendlichen Reichtum, beim Jackpot war der höchste Gewinn 45 Millionen, sechs richtige Kreuze, und die Superzahl, das ist die Nummer des Lottoscheins.
Ich habe gestern Abend mein Lotto Online Abonnement gekündigt.
Zuvor kam wieder dieser magische Satz ;“Sie haben gewonnen“, einerseits wissend, dass die Gewinnchance mit Superzahl bei 1: 139838160 liegt, ist dieser Moment magisch, die Nachricht verheißt Großes, Erlösung durch Geld, ohne Anstrengung.

Die gegebene Ordnung die Verteilung zwischen oben und unten, wird in der Vorstellung durchlässig für einen Moment, die Klassengesellschaft durch das Glück aufgehoben.
Ich halte einen Moment inne, bevor ich die Mail lese um die Konfrontation mit der Wirklichkeit aufzuschreiben.
Ich denke einerseits schon an einen Gewinn, der vielleicht den wöchentlichen Einsatz erstattet, aber die diffuse Idee des Hauptgewinns, ist noch im Raum.
Gleich ändert sich mein Leben, und materiell bin ich nie wieder bedürftig.
Manchmal überlege ich in diesem Moment wofür ich großzügig spenden würde, „Ärzte ohne Grenzen“ steht dann neben „Vier Pfoten“, ganz oben auf der Liste. Die Stiftung meines Tierarzt, der Katze Molly operativ ein Geschwür entfernte die Behandlungskosten für die Tiere materiell Bedürftiger deckt.
Gerade habe ich einer Patientin, deren Hund einen Tumor hat, dahin verwiesen.
Sie musste als Krankenschwester die Erwerbsunfähigkeitsrente einreichen, da die Multiple Sklerose sie zu stark am Haken hatte vor elf Jahren.
Jetzt ist sie angesichts einer Tierarztrechnung bedürftig.
Die durchschnittliche Erwerbsminderungsrente in Deutschland beträgt 977- 1041 Euro, das deckt nicht einmal meine Miete.
Wie froh bin ich, daß meine verfickte Krankheit mich Arbeiten lässt, und ich zwar krank aber nicht arm bin.
Etwas Sinnvolles zu tun, dass anderen hilft macht Freude, ich lerne viel dabei, aber Geld zu haben um beispielsweise wie heute Abend in ein Konzert zu gehen, in Begleitung mit dem Taxi, ein Pianist spielt Nirvana, einfach weil ich das will, ist Lebensqualität pur.
Ich öffne die Mail der Lottogesellschaft, ich bin erschüttert, eine richtige Zahl beim Spiel 77, das werden nicht mehr wie 2,50 Euro werden.
Sechs hundert Euro habe ich jährlich bei der staatlichen Lottogesellschaft verzockt, davon wurden 50 Prozent als Gewinne ausgeschüttet, die anderen 50 Prozent teilen sich Bund und die Bundesländer Hälfte.
Der Gewinn der einzelnen Spielenden ist steuerfrei.
Der Staat nahm 2024 2,9 Milliarden Steuern über den Einsatz von 8,56 Milliarden.
Ich habe über zehn Jahre mutmaßlich 6000 Euro verzockt, maximal 500 Euro gewonnen. Für die Illusion zu gewinnen.
Ich hatte immer das Gefühl, das mir eigentlich der Jackpot zusteht, und dass ich irgendwann gewinnen würde. Ich verzichte darauf, auszurechnen, was angelegt daraus geworden wäre.
Vor dem Online Lotto Dauerauftrag habe ich gelegentlich in einem Kiosk einen Schein ausgefüllt und für das magische Gefühl, jetzt werde ich wohlhabend bezahlt.
In meiner Kindheit wurden die Lottozahlen am Samstag Abend nach der Abendquizshow im ersten Programm gezogen, in einer Lostrommel wurden neunundvierzig Kugeln minutenlang durcheinander gewirbelt, nach der Ziehung wurden sie von der Lottofee laut vorgelesen, und wie das Wetter in allen folgenden Nachrichten Sendungen zitiert.
Die Lottofee war meist blond gelockt, und schaute intensiv in die Kamera, die Nation fieberte den Zahlen entgegen und träumte vom großen Geld.
Bundesweit gehen aktuell zehn Millionen Aufträge zweimal wöchentlich ein.
Auch in der DDR war Lotto ein gesellschaftlich akzeptiertes Glücksspiel.
Dort spielte man fünf aus fündvierzig.
Die Vorstellung, im voraus die richtigen sechs Zahlen gewählt zu haben weckt Grandiosität in mir, ein narzisstischer Booster, ohne wirkliche Anstrengung viel Geld zu bekommen.
Ich war in meinen Lotto Jahren immer tief überzeugt, dass mir eigentlich der Hauptgewinn zusteht, der höchste von mir erreichte Gewinn waren 48 Euro, eine trübe Bilanz.
Wenn jetzt meine Zahlen gezogen würden, spricht der Zocker in mir, Mutter und Großmutter gaben sich schon der gleichen trüben Illusion hin.
Es bleibt eine Lücke, die Hoffnung auf eine Macht die mir Gutes zukommen lässt, die Vorstellung auserwählt zu sein.
In den Neunzigern, als ich in einem Substitution Projekt angestellt war, war ein Film mit Robert Redford in den Kinos, „ein unmoralisch Angbot“, ein gut aussehender reicher Mann machte einem verheirateten jungen Paar, das finanziell ruiniert ist, die im Kasino versuchen mit dem letzten Geld das Schicksal zu wenden, das Angebot, wenn die Frau eine Nacht verbringt, sie eine Million Dollar bekämen, Sie lässt sich darauf ein, die finanziellen Probleme des Paares sind gelöst.
In einer Teamsitzung debattierten wir ob wir das täten, die Projektleiterin Doris, damals Mitte fünfzig wollte annehmen um ein Studium der Medizin in Budapest zu finanzieren.
Im Film zerbricht die Beziehung, der narzisstische Manipulator verliebt sich wirklich. In meiner Kindheit erlebte meine Mutter sich als arm, versuchte den mittleren Dienst im Beamtenstatus materiell durch Heiraten zu überwinden.
Vier Ehen aber emotional konnte sie auch den Geschäftsführer nicht halten.
Ich ging zunächst in die Opposition, materiell hatte ich keine Ziele.
Aber irgendwie habe ich dann doch etwas eigenes geschaffen, nach ihrer Überwindung.
Es ist ein weiterer Befreiungsschlag auf das regelmäßige Lottospiel zu verzichten, die fünfzig Euro monatlich werden in ETFs angelegt, ein bisschen Zocken bleibt, ein gelegentlicher Lottoschein am Kiosk für das Kopfkino.


Hinterlasse einen Kommentar