In meiner Praxis ist in diesem Jahr kaum ein männlicher Patient neu hinzugekommen, der sich nicht als ADHS labelt.

Diagnostisch liegt die Unfähigkeit vor sich zu fokussieren, längere Zeit zu konzentrieren.

Emotional wird eine Impulsivität gelebt, eine große Schwierigkeit sich einzulassen auf die Innenwelt des Gegenübers.

Eine perfekte Konstitution für die Partnerwahl bei Tinder, kurz fixieren,werten und wegwischen.

Die Aufmerksamkeitspanne für die Betrachtung eines TikTok Videos liegt unter zwei Minuten.

So scheint die ADHS Symptomatik als optimierte Adaption an die virtuelle Wirklichkeit, gleichwohl die Betroffenen bleiben einsam in ihrer Echokammer, da spiegelnde Begegnungen und seelische Berührungen aufgrund der kurzen Aufmerksamkeitspanne keinen Ort und Raum finden

In kurzer Zeit viele unvermittelte Teilrealitäten zu absorbieren, sich auf den schönen Instagram Realitäten nach unten zu vergleichen.

Für eine tiefere Durchdringung der Wirklichkeit und des medial Inszenierten fehlt die Ruhe und Reflexion der Getriebenen, es bleibt der Selbstvergleich nach unten, wo die Depression lauert, mit jedem Swipe bröckelt das Selbstvertrauen, die Influenzer sind fake und Realität zu gleichzeitig.

Die Diagnose bietet unter der Zumutung des pathogenen Labels einen Schutz vor Überforderung durch normierte Leistungsanforderungen.

Das Label, ursprünglich für zappelige unkonzentrierte Kinder kreiert, ermöglicht die Selbstdefinition als anders und besonders zu sein.

So braucht es in Zeiten kollektiver Anpassung und Normierung auf schöne Instagram und TikTok Karrieren, keine individuelle Rebellion um situativ zu entkommen.

Es ist vielleicht auch als ein individueller Widerstand gegen eigene verinnerlichte  Leistungsanforderungen zu lesen, mein Gehirn tickt anders, deswegen habe ich mein Studium noch nicht abgeschlossen,  und noch keinen einflussreichen Posten.

Neurodivers erlaubt ein bisschen Unangepasstheit unter dem inneren und äußeren Druck zur Performance.

Eine Impulsivität im Emotionalen wird dem Krankheitsbild zugeschrieben, ein Unvermögen sich auf ein Gegenüber einzuschwingen, ähnlich dem düsterem Gegenbild, dem destruktiv assoziierten

Borderliner.

Anders wie bei Borderline identifizierten, wird die Diagnose wird gesellschaftlich nicht als Stigma, ein hoffnungsloses Schicksal am Rande der Gesellschaft assoziiert, die Zuschreibung gilt eher als high potentiell, kreativ, Grenzen springende.

Meist wird die Diagnose positiv angenommen, sie beschreiben sich als kreativ, quer zu bestehenden Strukturen denken zu können, zum Einem auf vielen Ebenen gleichzeitig denken zu können, aber sich auf ein Ziel zu fokussieren, ohne Abschweifen an einem Projekt zu arbeiten, schwer zu realisieren, unmöglich.

Die Diagnose entlastet von Schuldgefühlen, sich nicht genug anzustrengen, häufig wird sie positiv besetzt, bis zu einer narzisstischen Besetzung, die überheblich wirken kann.

In der Schilderung der sozialen Bezüge, beruflich und privat wird eine hohe Empfindsamkeit spürbar, derer die Betroffenen sich  nicht bewusst sind, oder die sie als durch die Besonderheit der ADHS als gegeben, und zugehörig, und unveränderlich betrachten.

Im therapeutischen Kontakt mit diesenMenschen ist es hilfreich  sich ganz auf die Situation einzulassen, die Präsenz eines wachen und achtsamen Gegenüber ermöglicht es Ihnen fokussiert und präsent zu sein.

Jedes minimale Abschweifen wird wahrgenommen, und als zurückweisend, bis kränkend verarbeitet.

Nach außen generös, “ gehen Sie an Ihr Handy, wenn es wichtig ist,

Im Blick, auch Dir bin zu unwichtig eine Stunde nur bei mir zu sein.

Im Gespräch mit Betroffenen ist eine große Angst vor Verlassenheit beim Abwenden des Blickes erlebbar, ein Ansaugen des Blickes, ein hektisches pausenloses Sprechen, Lücken vermeidend, um kein Raum für das Gegenüber zu lassen, das Wort nicht abgeben, endlich gehört werden.

Ein gegenseitiges Mitschwingen angesichts der emotionalen Not unerreichbar, die Betroffenen bleiben in Ihrer oft gehypten Besonderheit einsam.

Hilfreich im privaten wie im professionellen Kontext ist ein Gegenüber das ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt, und signalisiert, “ ich bin da“, das hilft Ihnen auch im Kontakt zu verweilen, ein bisschen in sich  anzukommen, die spiegelnde Bezogenheit des Gegenüber wirkt Ich-stärkend, bis sie wieder davon flattern.

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Herzlich Willkommen

Danke, dass du vorbeischaust! Ich bin Kathrin Köpp, psychologische Psychotherapeutin aus Hamburg. Neben meiner Arbeit in der Praxis biete ich eine Online-Beratung für Krisensituationen und diagnostische Einschätzungen für Selbstzahler ohne Wartezeit an. Auf diesem Blog möchte ich mit dir Geschichten aus meinem beruflichen und privaten Alltag als von MS-Betroffene teilen. Meine wichtigste Mitarbeiterin ist Miss Molly, nach zehn Jahren als Hauskatze auch als Queen Mom bekannt. Besonders bei ängstlichen und depressiven Patientinnen ist sie ein wertvoller Teil meines Teams.

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